Vereinsmitglieder erzählen


Hilfe für den Elbebiber E-Mail

 

Vor 45 Jahren, im Mai 1965, ich war seit vier Monaten als praktischer Tierarzt in Dessau tätig und Leiter der Staatlichen Tierarztpraxis Dessau II, machte ich Bekanntschaft mit einem Biber, in der Tierfabel Meister Bokert genannt. In den Abendstunden klingelte das Telefon und ein aufgeregter Anrufer bat um sofortige Hilfe. Es ging um einen schwerverletzten Elbebiber. Ich erfuhr, dass das Tier in den Törtener Stillingen gefunden worden war und aus einer schweren Eisenschlagfalle befreit werden musste. Die Falle war mit einer Kette an einem Baum befestigt und der Biber kurz vor dem Ertrinken.

 

Nach kurzer Fahrt hatte ich den Dessauer Lehrpark für Tier- und Pflanzenkunde, in welchen das seltene Wildtier verbracht worden war, erreicht. Der damalige Tierparkleiter Erwin Meyer stolperte bei meiner Ankunft vor Aufregung und entleerte den Aschenkasten auf der Haustreppe statt im Aschenkübel. Er und Lutz Abendroth, der als Flußmeister bei der Wasserwirtschaft in der Lutherstadt Wittenberg angestellt und als ehrenamtlicher Naturschutzhelfer bei den „Biberfreunden“ tätig war, warteten schon ungeduldig auf mich. Der ca. 25 kg schwere Biber lag auf einem Tisch und wurde von Lutz Abendroth fixiert, damit er mit seinen großen charakteristischen rotbraunen Nagezähnen, die ja spielend einen Finger abtrennen können, uns nicht verletzten konnte. Nach gründlicher Untersuchung des Tieres konnte ich feststellen, dass das linke Vorderbein durch das Schlageisen vollständig zertrümmert worden war. Andere Verletzungen konnten nicht gefunden werden. Ich musste mich für eine Amputation der linken Vordergliedmaße entscheiden. Nach gründlicher Reinigung, Desinfektion und örtlicher Betäubung amputierte ich das Bein, zog die Haut über den Stumpf und verschloss die Wunde mit Perlonheften. Gegen eine Wundinfektion und drohende Pneumonie injizierte ich dem Tier noch ein Antibiotikum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Operation verlief erfolgreich, aber es blieben noch viele Fragen. Selbst wenn ich bei Professor Krahnert, meinem Pelztierprofessor in Leipzig, besser aufgepaßt hätte, diese Fragen wären unbeantwortet geblieben. Wie waren die Normalwerte von der Atemfrequenz, vom Puls und der Körpertemperatur? Welche Medikamente wurden gut vertragen? Wie hoch musste dosiert werden? Fachbücher für Wildkrankheiten gab es nicht und im Internet bei Google konnte ich nicht nachschauen. Ich musste also sehr vorsichtig agieren, den Vertreter einer vom Aussterben bedrohten Tierart gut beobachten und natürlich auch hoffen, dass uns Asklepios, der Gott der Heilkraft zur Seite stand.

 

Über Unterbringung und Ernährung des Patienten wurden wir von Lutz Abendroth und dessen Vater, dem bekannten und beliebten Revierförster Franz Abendroth, der sich große Verdienste um die Erhaltung der letzten Elbebiber erworben hat und von den Dessauern liebevoll Bibervater genannt wurde, beraten. Wie brachten das amputierte Tier in einen kleinen Stall, machten ihm ein Strohlager und stellten neben ihn eine mit Wasser gefüllte kleine Schüssel. Als Futter bekam er Weidenzweige, klein zerschnittene Möhren, Äpfel, Futterrüben und Kalmuswurzeln.

 

Die  ersten Tage nach der Operation war der Allgemeinzustand des Bibers schlecht. Er fraß nur wenig. Doch die Wunde heilte gut und nach acht Tagen fraß er und lief in seinem Gehege umher. Wir setzten ihn in das Nutriagehege um, damit er wieder Schwimmen und Tauchen konnte und die Besucher das größte Nagetier Europas zu sehen bekamen. Es gab damals nur noch ca. 200 Elbebiber. Von den einst weit verbreiteten Tieren überlebten nach Professor Hinze nur kleine Restbestände in unserem Gebiet, am Mittelauf der Elbe zwischen Torgau und Magdeburg einschließlich der Unterläufe von Saale, Mulde und Schwarzer Elster. Da in Dessau keine tierart- und tierschutzgerechte Unterbringungsmöglichkeit vorhanden war und er mit seinen drei Beinen keine Überlebenschance in der sogenannten freien Wildbahn hatte, haben wir ihn schweren Herzens in den berühmten Zoo meiner Heimatstadt Leipzig gebracht. Hier hat er noch fast zwei Jahre gelebt, wie mir mein Schulfreund Harry Schunke, der im Leipziger Zooverein mitarbeitet, mitteilte.

 

Die Elbebiber haben sich dank des Einsatzes staatlicher Stellen und der vielen freiwilligen Helfer stark vermehrt. Einst wegen des Fleisches, seines dichten Felles und seines angeblich potenzfördernden Bibergeils, der Unvernunft vieler Menschen und der Kriegswirren immer wieder dezimiert und vom Aussterben bedroht, werden jetzt Elbebiber in andere Länder umgesetzt.

 

Wer diese interessanten Tiere kennenlernen will, muss in den Dessauer Lehrpark für Tier- und Pflanzenkunde gehen. Inmitten der großzügigen, gepflegten Gehege, die von einem erlesenen Strauch- und Baumbestand umrahmt werden, findet sich auch Meister Bokert, das einzige Tier, das seinen Lebensraum aktiv zu gestalten vermag. Schon Geheimrat Goethe wusste um seine hohe Intelligenz. „Und es ließ der König sogleich den Biber gebieten, der Notarius war und Schreiber des Königs, man nennt ihn Bokert. Es war sein Geschäft, die schweren wichtigen Briefe zu lesen.“ (aus Reinike Fuchs).

 

Dr. Jürgen Stephan